Die Mär von der defekten Aufmerksamkeit
Inhalt
von Informationen und Infos
Warum Aufmerksamkeit ein Top-Thema ist
Das Filter-Modell
Warum das Filter-Modell falsch ist
Die Lösung: präattentive Prozesse
Demonstration: der Stroop-Effekt
Die Konsequenzen
Noch einmal: Was ist eigentlich Aufmerksamkeit?
Ein Exkurs in die Wissenschaftspraxis
Schwebende Aufmerksamkeit
Fokussierte Aufmerksamkeit
Vergleich und Gegenüberstellung
Was heißt das jetzt für die Praxis?
von Informationen und Infos
Man redet ja gerne und viel von verkorkster Aufmerksamkeit, und vorzugsweise wird diese von pädagogischen Bedenkenträgern gleich der ganzen Jugendgeneration angedichtet.
Tatsächlich ist dies aber eine Fiktion, und der Glaube an ihre Existenz einer der meistverbreiteten populärpsychologischen Irrtümer - der auch durch die endlose Wiederholung markiger Schlagworte wie dem von der "Seuche des Informationszeitalters" nicht richtiger wird. Wenn man nüchtern darüber nachdenkt, muss man zu dem Schluss kommen, dass unsere Aufmerksamkeit auf Mechanismen beruht, die in Jahrtausenden nach biologischen Erfordernissen entwickelt und optimiert wurden. Cyberspace hin, JAVA her: unsere Gehirne sind - zum Glück - die gleichen geblieben. Was wie defekte Aufmerksamkeit aussieht, ist mitnichten eine Zivilisationskrankheit, sondern ein Problem, das schlicht und einfach durch mangelhafte Qualität entsteht. Anders gesagt: Wenn das Web mit Dingen vollgestopft wird, die keine Aufmerksamkeit wert sind, nimmt es nicht Wunder, wenn die Benutzer 90% dieses Informationsmülls kurzerhand wegfiltern. Vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet ist das völlig Ordnung, es ist eine Anpassungsreaktion, die ich persönlich als äußerst zweckdienlich und gesund bezeichnen würde.
Es gibt andererseits in den traditionellen Medien genügend Beispiele, die belegen, dass nach wie vor auch sehr umfangreiche Informationshäppchen ein interessiertes Publikum finden können. Viele Kult-Bücher aus dem Fantasy- oder Science-Fiction Genre - mit zumeist jugendlichem Publikum - sind mehrbändige Riesenpublikationen. Hierfür könnte man viele Beispiele anführen, das vielleicht prominenteste ist Tolkiens "Herr der Ringe". Wenn die Aufmerksamkeitsdefekte des modernen Homo sapiens wirklich so schlimm wären, wie allenthalben behauptet wird, dürfte von diesem Buch eigentlich nur der Text auf dem Einband bekannt sein. Das gleiche gilt für Filmprojekte wie "Der mit dem Wolf tanzt" oder die erst kürzlich wieder verlängerte "Starwars"-Reihe, die sich geradezu episch in die Länge und Breite ziehen. Das Publikum betrachtet sich auch hier nicht nur den Vorspann, um dann entkräftet über der Popcorn-Tüte zusammenzubrechen. Es schaut vielmehr mit Wonne die ganzen Filme, eventuell sogar mehrmals, wartet auf weitere Folgen und zeigt sich damit überaus aufmerksam und hartnäckig. Ich persönlich bin der Ansicht, dass der Kult in diesen Fällen sogar ganz direkt mit dem Umfang der Werke zu tun hat. Als 50seitiger Comic-Strip oder Novelle wäre der "Herr der Ringe" sang- und klanglos untergegangen, und auch der Erfolg von "Starwars" wäre mit einem Kurzfilmchen nicht zu machen gewesen. Dinge, die die Aufmerksamkeit und Geduld des Konsumenten fordern, sind also bestens verkäuflich, wenn sie gut sind und den richtigen Nerv treffen.
Kann man dies aber so einfach auf das neue Medium WWW übertragen? Ich denke: ja. Wenn jemand im Web ein Angebot findet, das fesselt (interessant und/oder unterhaltsam und/oder nützlich ist), wird er oder sie sich ganz mühelos und selbstverständlich hierauf konzentrieren, solange es nötig ist. Leider führt der Irrglauben an die defekte Aufmerksamkeit der Surfer aber dazu, dass die weisen Gestalter und Entscheider meinen, ihre Seiten in mundgerechte Bissen zerkleinern und multimedial vorkauen zu müssen - womit sind sie dann genau das desinteressierte Rezeptionsverhalten auslösen, dem sie eigentlich den Kampf angesagt haben. Das Klagen über Aufmerksamkeitsdefizite ist dann eine bequeme Ausrede. Wenn die Schuld für das mangelnde Interesse des Konsumenten bei diesem selbst liegt, ist das ja doch alles in allem nicht unpraktisch, oder? Außerdem spart es Arbeit, weil ja flach-schmale Dinge viel leichter und schneller herzustellen ist als tief-breite. So degeneriert alles, was lehrreich oder interessant sein könnte, zur "Info", weil die armen Benutzer - vermeintlich - nicht dazu in der Lage sind, sich auf Texte zu konzentrieren, die länger als eine Bildschirmseite sind. Wenn das durchschnittliche Surferpublikum sich nur 3-5 Minuten auf einer durchschnittlichen Website aufhält, hat es aber mitnichten einen Aufmerksamkeitsdefekt, sondern etwas anderes, nämlich schlicht und einfach: Nichts gefunden.
Ich behaupte: Wenn die Inhalte stimmen, kann man auch im Internet das Publikum fordern. Es wird hierfür sogar dankbar sein - und die Fünf-Minuten Terrinen der anderen links liegen lassen. Wer etwas zu sagen hat, sollte dies also tun und sich genau so viel Raum nehmen, wie dafür erforderlich ist - nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Warum Aufmerksamkeit ein Top-Thema ist
Obwohl die „Attention Deficit Disorder“ (klingt gut was) also eine Mär ist, bleibt es eine der wichtigsten Aufgaben der Webseitenerstellung, die Aufmerksamkeit des Konsumenten zu gewinnen - wie in jedem anderen Kommunikationsprozess. Und es ist auch zugleich eine der schwierigsten, weil die äußeren Voraussetzungen im Web hierfür denkbar schwierig sind.
Es besteht eine hohe Grundbelastung durch...
- große Informationsmengen,
- ständig ansteigenden Informationsinput,
- hohe Komplexität und Vernetztheit der Informationen,
- relativ ähnliche Angebote,
- geringe Informationsqualität,
- einen hohen Anteil an irrelevanten und ablenkenden Inhalten,
- falsche Design-Strategien, z.B. bei der Hervorhebung von Information.
Gleichzeitig wird es immer schwieriger, Hintergründe zu durchschauen, z.B. relevante von irrelevanten Inhalten, seriöse von unseriösen Informationsquellen zu unterscheiden. Wenn Benutzer dem begegnen wollen, müssen sie zwangsläufig
- mehr ausfiltern,
- mehr vergessen,
- flüchtiger wahrnehmen,
- weniger reflektieren.
Dies ist allerdings, wie weiter oben ausgeführt wurde, keine Krankheit, sondern eine Anpassung an die besonderen Eigenschaften des Mediums. Wie man dieses Rezeptionsverhalten unterbrechen und echtes Interesse am eigenen Angebot wecken und wach halten kann, ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt - für die jeder, der sich als Informationsanbieter im Web bewegt, plausible Antworten finden muss.
Jeder, der sich mit dem Anbieten von Information beschäftigt, hat Theorien darüber, wie die Aufmerksamkeit seiner Konsumenten funktioniert. Diese beeinflussen und steuern, wie die Dinge gestaltet werden, sie beruhen aber oftmals auf falschen Annahmen:
- Ein Kardinalfehler, der sich in den Theorien vieler Designer/innen findet, ist z.B. der Glaube, Animationen seien in erster Linie etwas dekoratives, das man einsetzen könne, um Seiten etwas gefälliger zu gestalten. Tatsächlich ist Bewegung aber eben kein beliebiges Stilmittel, sondern ein biologischer Reiz, der höchste Priorität für unsere Aufmerksamkeit hat und deshalb nur äußerst sparsam - und niemals ohne triftigen Grund - eingesetzt werden sollte (mehr Informationen hierzu finden Sie in meinem Artikel über Animationen).
- Eine zweite Fehleinschätzung, auf die ich im ersten Artikel dieser Serie hingewiesen habe, ist, Internet-Besucher seien nur für maximal 3 Minuten dazu in der Lage, sich auf ein Thema zu konzentrieren.
- Ein dritter Fehler ist die Überzeugung, dass auf der eigenen Website alles wichtig sei, weshalb man dafür sorgen müsse, dass auch alles tüchtig hervorgehoben wird - nur nichts übersehen!
- Viertens gilt beim Hervorheben wichtiger Informationen nicht die Regel "Viel hilft viel". Was zu sehr hervorsticht, kann leicht mit einem Werbebanner verwechselt und ignoriert werden.
Das Problem ist nicht nur, dass diese (und andere) Annahmen unzutreffend sind, sie werden den Betroffenen nicht einmal richtig bewusst - so dass sie nie einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Falsche Strategien bei der Auswahl von Inhalten und der Anwendung von Techniken zur Gestaltung, Vernetzung oder Hervorhebung von Informationen sind dann auch eher die Regel als die Ausnahme.
In diesem und dem folgenden Teil dieser Artikelserie möchte ich einige Grundlagen darstellen, die die experimentelle Psychologie über das Funktionieren der menschlichen Aufmerksamkeit in Erfahrung gebracht hat. Dies mag manchem Leser auf den ersten Blick vielleicht etwas zu weit ausgeholt oder zu theoretisch erscheinen, es ist jedoch so, dass viele Forschungsergebnisse dem widersprechen, was unsere Intuition uns Glauben macht. Es kann also nicht schaden, die eigenen Theorien etwas zu erweitern oder zu überdenken, um sich dann aus einer veränderten Perspektive mit der Frage zu beschäftigen, wie man Aufmerksamkeit im Web optimal anspricht und unterstützt.
Das Filter-Modell
Wenn man diese Frage durch eine Meinungsumfrage untersuchen würde, bekäme man wahrscheinlich Antworten, die in etwa darauf hinausliefen, dass Aufmerksamkeit ein Filter ist, der bestimmte Dinge passieren lässt und andere zurückhält. Diese Antwort hat auch etwas für sich. Wenn man z.B. eine Internet-Seite "abscannt" um sich einen Eindruck von den Inhalten und Verzweigungen der Seite zu bilden, treten die blauen, unterstrichenen Links aus dem Hintergrund des laufenden Textes hervor und werden beachtet. Die restlichen 90% der Informationen "rauschen" gewissermaßen vorbei, d.h. sie werden weggefiltert und erreichen unser Bewusstsein nicht. Ähnlich liegen die Verhältnisse, wenn wir aktiv nach einer Information suchen, sagen wir, einem Link, das ein E-Mail Formular öffnet. Nur Reize, die zu unserem Ziel passen (das Icon eines Briefkastens oder ein Link mit der Bezeichnung "Email"), treten dann aus dem Hintergrund hervor und werden fokussiert.
Ein Aspekt, der für diesen Denkansatz sehr wichtig ist, ist die Annahme, dass Aufmerksamkeit von unserem Bewusstsein kontrolliert bzw. gesteuert wird. Besonders deutlich wird dies an einem alltäglichen Phänomen, das in der Aufmerksamkeitsforschung eine gewisse Prominenz hat, dem "Cocktail-Party Effekt". Wenn Sie sich auf einer Party mit jemandem unterhalten, schwirren Dutzende von Stimmen durch den Raum, die physikalisch ungefähr gleich laut sind. Es ist aber in der Regel kein Problem, einer dieser Stimmen zuzuhören und die anderen zu ignorieren. Wenn Sie nicht mehr Person A, sondern Person B zuhören möchten, können Sie einfach "umschalten". Demnach steuern unsere Ziele die Aufmerksamkeit und diese steuert wiederum, was wir beachten oder ignorieren.
Dieses "Filter-Modell" entspricht in etwa dem, was der gesunde Menschenverstand und die Alltagserfahrung nahe legen, und es war auch eine der ersten Theorien in der wissenschaftlichen Aufmerksamkeitsforschung. Was auf den ersten Blick vielleicht nicht auffällt ist, dass eine der entscheidenden Grundannahmen des Modells ein Kapazitätslimit ist. Es gibt hierfür eine schöne Metapher: Entsprechend dem Filter-Modell bewegen wir uns quasi mit einer kleinen Taschenlampe durch eine stockfinstere Landschaft, und unsere Aufmerksamkeit ist wie der Lichtkegel der Lampe, der immer nur einen bestimmten Ort beleuchtet, während der Rest der Szenerie im Dunkeln bleibt. Gesteuert wird der Lichtkegel von uns, also unserem Bewusstsein. Das Kapazitätslimit hat hierbei zwei Aspekte:
(a) Es gibt nur eine Taschenlampe, nicht mehrere - es kann also nur ein mentaler Prozeß zur gleichen Zeit ablaufen.
(b) Die Lichtmenge, die die Lampe liefert, ist begrenzt und konstant - genauso wie die psychischen Ressourcen zur Verarbeitung von Information.
Die folgende Abbildung fasst dies noch einmal zusammen:
Die Wahrnehmung registriert sehr viele Informationen (hellblauer Kasten). Ein kleiner Ausschnitt hiervon wird durch die Aufmerksamkeit ausgewählt (roter Kasten), analysiert (grüner Kasten) und gelangt dann in unser Bewusstsein, das man sich wie den Arbeitsspeicher eines Computers vorstellen kann. Er hat eine begrenzte Kapazität und dient dazu, die Informationen weiterzuverarbeiten, also z.B. mit schon vorhandenen Wissen zu vergleichen. Er enthält auch die aktuellen Ziele, und diese sind es wiederum, die den Filter "justieren".

Warum das Filter-Modell falsch ist
Das Filter-Modell erscheint auf den ersten Blick sehr einleuchtend, trotzdem kann es das Funktionieren unserer Aufmerksamkeit nicht angemessen erklären. Probleme wurden erstmals in Experimenten aufgedeckt, die sich des Verfahrens des "dichotischen Hörens" - experimentelle Variante des Cocktail-Party Effekts - bedienten. Hierbei stattet man Versuchspersonen mit einem Kopfhörer aus, in dessen rechtem und linkem Kanal gleichzeitig unterschiedliche Bänder abgespielt werden können. In einem speziellen Test, der "Shadowing"-Technik, hören die Versuchspersonen in beiden Ohren verschiedene Texte. Ihre Aufgabe ist dann, einen dieser Texte nachzusprechen, und zwar wie ein Simultandolmetscher, also unmittelbar während er vorgesprochen wird (dieses "Beschatten" hat der Technik ihren Namen gegeben). Shadowing ist eine Aufgabe, die die Aufmerksamkeit stark beansprucht. Dies zeigt sich daran, dass die Versuchspersonen von dem Text, der in dem unaufmerksamen (also dem nicht-beschatteten) Ohr vorgelesen wird, in der Regel nichts verstehen. Sie überhören einfach, was hier gesagt wird, und sie können später hiervon nichts wiedergeben. Dies ist mit den Annahmen des Filter-Modells konform: Es kann ja nur ein Kanal mit Aufmerksamkeit belegt werden, genauso wie man auf einer Party nur einer Person zur gleichen Zeit zuhören kann. Darüber hinaus wird durch das Beschatten die Aufmerksamkeitskapazität vollständig absorbiert, so dass für das Wahrnehmen oder Verstehen der Botschaft im anderen Ohr gewissermaßen "nichts mehr übrig" ist.
Nun nehmen wir einmal an, Sie haben sich im Dienste der Wissenschaft als Versuchsperson für ein Shadowing-Experiment zur Verfügung gestellt. Sie haben die Aufgabe, einen Text nachzusprechen, der in Ihrem linken Ohr eingespielt wird. Von dem, was in derweil im rechten Ohr gesagt wird, verstehen Sie nichts. Plötzlich wird nun aber Ihr eigener Name im rechten Ohr genannt - und Ihre Aufmerksamkeit schaltet im Bruchteil einer Sekunde auf diesen Kanal um. Diese Beobachtung - die genau so in entsprechenden Experimenten gemacht wurde - ist vielleicht auf den ersten Blick nicht sehr spektakulär. Man kennt das auch aus dem Alltag: Wenn der eigene Name gerufen wird, lässt einen das unwillkürlich "aufhorchen". Aber: Sie bringt das Filter-Modell in arge Bedrängnis. Warum? Die Information im rechten Kanal war ja nicht mit Aufmerksamkeit belegt, und die mentalen Ressourcen waren durch das Beschatten obendrein noch vollständig verbraucht. Nur: Wenn das so ist, warum waren Sie dann dazu in der Lage, Ihren Namen überhaupt zu verstehen? Verstehen ist ja die logische Voraussetzung dafür, dass man überhaupt aufhorchen kann. Dieses Ergebnis kann nur zustandekommen, wenn die Information im rechten Kanal, die nicht mit Aufmerksamkeit belegt war, eben doch inhaltlich analysiert wurde.
Die Lösung: präattentive Prozesse
Die Befunde aus den Shadowing-Experimenten widerlegen das einfache Filter-Modell und zeigen zwei sehr wesentliche Dinge auf, die auch in anderen Zusammenhängen sehr gut belegt sind:
Wir können uns nicht dafür entscheiden, Dinge zu ignorieren, die in unserem Gehirn als wichtig "gebookmarkt" sind (z.B. unseren eigenen Namen).
Die Menge der Information, die unser Gehirn analysiert, ist größer als die Menge der Information, die uns bewusst wird und auf die sich unsere Aufmerksamkeit richtet.
Die folgende Abbildung zeigt, ein alternatives Modell der Aufmerksamkeit, das in Ermangelung eines griffigen Namens als Modell "präattentiver Prozesse" bezeichnet wird. Es hat das Filter-Modell abgelöst und ist im wesentlichen auch heute noch gültig.
Das Modell präattentiver ("vor-aufmerksamen") Prozesse: Der entscheidende Unterschied zum Filter-Modell ist, dass hier nach dem Registrieren der Umwelt in der Wahrnehmung (blauer Kasten) gleich eine sehr breite automatische inhaltliche Analyse (grüner Kasten) aller Informationen stattfindet. Der Engpass liegt erst an der Stelle, an der unser Bewusstsein ins Spiel kommt, also dort, wo aus der riesigen Menge analysierter Informationen eine Auswahl getroffen werden muss. Im Gegensatz zum Filtermodell, demzufolge nur weniges überhaupt analysiert werden kann, resultiert die Notwendigkeit einer Auswahl hier lediglich aus der begrenzten Kapazität unseres Arbeitsspeichers.

Man weiß mittlerweile. dass diese präattentiven Prozesse extrem schnell sind, sie beginnen fast zeitgleich mit dem Registrieren der Information und sind nach ca. 300-500 Millisekunden vollständig abgeschlossen. Sie haben auch eine enorm große Kapazität - wie groß genau, ist nicht ganz klar. Sie arbeiten wie parallel geschaltete Prozessoren, die alle wahrgenommenen Reize interpretieren und die Ergebnisse unserem Bewusstsein zur Verfügung stellen. Solange keine signifikanten Bedeutungen erkannt werden, die eine Unterbrechung der gerade stattfindenden Denkprozesse rechtfertigen, bleibt die Kontrolle dem Bewusstsein überlassen und ein kleiner Teil der Information wird "wahr-genommen". Tritt ein signifikanter Reiz auf (etwa das Hören des eigenen Namens beim Shadowing), wird dies von den präattentiven Prozessen automatisch registriert, sie übernehmen die Kontrolle, unterbrechen das Denken und lenken die Aufmerksamkeit um.
Tatsächlich gibt es noch eine Vielzahl anderer Beobachtungen, die dieses Modell bestätigen. Eine davon ist der "Stroop Effekt". Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie diesen zuerst im Selbstversuch ausprobieren:
Demonstration: der Stroop-Effekt
Dauer: 5-10 Minuten
Hier können Sie anhand einer kleinen Demonstration erfahren, was der "Stroop-Effekt" ist. Er gehört zu den Klassikern der experimentellen Psychologie und ist auch heute noch ein hochaktuelles Forschungsthema. Er ist nach einem amerikanischen Psychologen Namens Stroop benannt, der ihn 1935 zum ersten mal beschrieben hat.
Da das kleine Experiment über lokale Anker auf dieser Seite gesteuert wird, sollten Sie nicht zu viel scrollen, sondern möglichst die vorgesehenen Links zum blättern benutzen.
Bevor Sie anfangen, sollten Sie auch warten, bis die Seite vollständig geladen ist.
Demonstration 1:
Anleitung: Gehen Sie die folgende Tabelle spaltenweise durch und nennen Sie dabei laut die Farben der "X-Reihen" - so schnell wie möglich! (Sie beginnen also links oben mit "blau", "rot", "gelb"....) Schwarz und weiß werden dabei auch als Farben behandelt. Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Zeit stoppen, hierfür genügt eine einfache Uhr mit Sekundenzeiger, d.h. es kommt nicht auf Zehntelsekunden an.
Bevor Sie anfangen sollten Sie die Tabelle vorher so zentrieren, dass sie vollständig auf Ihrem Bildschirm erscheint.
Und dann los!
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
XXXX | XXXX | XXXX | XXXX | XXXX |
Sind Sie fertig?
Sehr gut!(Regel Nr. 1 in der Ausbildung: immer loben, egal was passiert!)
Sicherlich haben Sie nicht geschummelt und die Übung einfach übersprungen, oder? Falls doch kann ich Ihnen versichern: Das Ganze ist etwas anstrengend, aber im Grunde eher langweilig. Es war aber auch noch nicht der Stroop-Effekt, sondern nur eine Übung zum Aufwärmen. Den Stroop-Effekt werden Sie bei der nächsten Demonstration kennenlernen - die Sie diesmal durchführen sollten, wenn Sie die weitere Darstellung verstehen wollen.
Demonstration 2: der Stroop-Effekt
Anleitung: Gehen Sie die folgende Tabelle spaltenweise durch und nennen Sie dabei so schnell wie möglich die Farben der Wörter (Sie beginnen also links oben mit "grün", "blau", "gelb"....).
Wichtig: Sie sollen nicht die Wörter selbst vorlesen, sondern nur die Schriftfarben nennen! Wenn Sie möchten, können Sie wieder Ihre Zeit stoppen, um sie mit der vorher gemessenen zu vergleichen.
Bevor Sie anfangen, sollten Sie die Tabelle wieder so zentrieren, dass sie vollständig auf Ihrem Bildschirm erscheint.
Und dann los!
gelb | gelb | blau | blau | gelb |
grün | grün | grün | rot | gelb |
grün | weiss | gelb | blau | rot |
schwarz | rot | rot | gelb | blau |
rot | blau | rot | grün | rot |
grün | grün | blau | rot | grün |
weiss | gelb | gelb | blau | blau |
rot | gelb | grün | grün | gelb |
blau | rot | rot | gelb | grün |
rot | blau | blau | grün | rot |
Fertig?
Werten wir Ihre Erfahrungen zunächst einmal aus. Sie werden bemerkt haben, dass das Nennen der Farben im zweiten Versuch (Farbwörter) weitaus schwieriger war als im ersten (X-Reihen). Sie werden vermutlich mehr Zeit benötigt haben und möglicherweise haben Sie sich ein- oder sogar mehrmals verhaspelt.
Genau diese Störung ist der "Stroop-Effekt".
Aber woran liegt das? Sie werden die Erklärung vielleicht ahnen: Der Effekt beruht darauf, dass parallel ablaufende psychologische Verarbeitungsprozesse sich gewissermaßen „in die Quere“ kommen, also auf einer sogenannten Interferenz. Das Nennen der Farben ist dabei die primäre Aufgabe, die Konzentration erfordert und bewusst gesteuert werden muss. Der zweite Prozess, das Lesen, ist eine Fertigkeit, die automatisch, unwillkürlich abläuft und auch nicht unterdrückt werden kann.
Hierzu noch eine kleine Demonstration
Betrachten Sie doch einmal das Wort, das gleich im Zentrum Ihres Monitors erscheint. Aber - bitteschön - ohne es zu lesen:
Bereit?
unmöglich !
......oder?
Sie sehen also: Lesen ist automatisiert. Wenn man es einmal gelernt und trainiert hat, kann man sich nicht mehr entscheiden, nicht zu lesen. Dieser Sachverhalt ist letztlich für den Stroop-Effekt verantwortlich. Bevor wir dies etwas genauer analysieren noch eine Zwischenbemerkung: Es muss nicht notwendigerweise so sein, dass sich zwei psychologische Prozesse gegenseitig stören. Man kann sich z.B. beim Autofahren durchaus mit einer/m Mitfahrer/in unterhalten. Dies kostet zwar Ressourcen, solange nichts außergewöhnliches geschieht, funktioniert es aber ganz gut (wenn doch, muss man eben Glück haben).
Aber kommen wir zurück zum Stroop-Effekt. Die besonders heftige Interferenz kommt hier durch mehrere Faktoren zustande: Zunächst spielt eine wichtige Rolle, dass sich die beiden Prozesse (also Lesen einerseits und Nennen der Farben andererseits) überschneiden. Sie beziehen sich auf den gleichen Reiz (das Farbwort) und greifen auf die gleiche „Output“-Funktion (nämlich den Stimmapparat) zu. Sie hatten gar nicht die Absicht, die gelesenen Wörter laut auszusprechen? Genau das ist die Gemeinheit: Absicht hin, Absicht her, das Lesen läuft einfach von selbst ab, und auch beim stummen Lesen ist die Muskulatur in unserem Stimmapparat sehr beschäftigt, wir bemerken diese „subvokale Aktivität“ nur nicht.
Darüber hinaus werden in den beiden Vorgängen (Lesen und Wahrnehmen der Schriftfarbe) widersprüchliche Bedeutungen wahrgenommen und widersprüchliche Reaktionen angestoßen. Dieses Wort signalisiert z.B. „blau“ und die Schriftfarbe „grün“:
blau
Das Unterdrücken der automatisch gelesenen Bedeutung und der Reaktion, die sie normalerweise auslöst, kostet Aufmerksamkeitsressourcen, die dann für ein schnelles, fehlerfreies Arbeiten beim Nennen der Farben fehlen. Die „falsche“ Wortbedeutung ist dabei perfiderweise schon präsent, bevor man die „richtige“ Schriftfarbe nennen kann. Das Lesen geht schneller, und deshalb versucht gewissermaßen die „subvokale“ Leseaktivität immer wieder, die Kontrolle über die Reaktionen zu übernehmen.
Wenn man die Aufgabe umstellt und die Wörter liest, anstatt die Farben zu benennen, ist immer noch eine gewisse Interferenz vorhanden, dieser „inverse Stroop-Effekt“ ist aber sehr viel weniger penetrant. Mit anderen Worten: Man kann die widersprüchlichen Farben der Wörter beim Lesen sehr viel leichter ignorieren als die widersprüchlichen Bedeutungen der Wörter beim Nennen der Farben.
Sie können das in der folgenden Übung noch einmal ausprobieren.
Demonstration 3: der inverse Stroop-Effekt
Anleitung: Gehen Sie die folgende Tabelle spaltenweise durch und lesen Sie dabei so schnell wie möglich die Wörter (Sie beginnen also links oben mit "grün", "blau", "gelb"....).
Sie sollen diesmal nicht die Schriftfarben nennen, sondern die Wörter lesen. Wenn Sie möchten, können Sie wieder Ihre Zeit stoppen, um sie mit den vorher gemessenen zu vergleichen.
Bevor Sie anfangen, sollten Sie die Tabelle wieder so zentrieren, dass sie vollständig auf Ihrem Bildschirm erscheint.
Und dann los!
gelb | gelb | blau | blau | gelb |
grün | grün | grün | rot | gelb |
grün | weiss | gelb | blau | rot |
schwarz | rot | rot | gelb | blau |
rot | blau | rot | grün | rot |
grün | grün | blau | rot | grün |
weiss | gelb | gelb | blau | blau |
rot | gelb | grün | grün | gelb |
blau | rot | rot | gelb | grün |
rot | blau | blau | grün | rot |
Haben Sie es bemerkt? Obwohl man beim Nennen der Farben ziemlich ins Schleudern kommt, bereitet es kaum Schwierigkeiten, die Wörter zu lesen, obwohl sie ja in „falschen“ Farben geschrieben sind. Dies liegt eben daran, dass das Lesen als Fertigkeit so intensiv trainiert ist (man spricht auch von „überlernt“), dass es automatisch, reibungslos und fast ohne Anstrengung abläuft. Man kann den inversen Stroop-Effekt ganz einfach verstärken, indem man die Versuchspersonen das Nennen der Farben einige Male trainieren lässt. In diesem Fall wird das Lesen durch das - dann eben auch automatisiert ausgelöste - Nennen der Farben stärker gestört. Da Sie in den beiden ersten Übungen das Nennen der Farben bereits geübt haben, wird die Interferenz in Ihrem letzten Selbstversuch wahrscheinlich etwas stärker gewesen sein als wenn Sie dieser Aufgabe angefangen hätten.
Damit ist die Demonstration zu Ende. Die Konsequenzen, die sich aus dem Stroop-Effekt für das Filter-Modell und das Funktionieren der Aufmerksamkeit im allgemeinen ergeben, werden wieder in dem Artikel dargestellt, der Sie hierher geführt hat.
Die Konsequenzen
Die Shadowing-Technik und der Stroop-Effekt sind deshalb so interessant, weil sie belegen, dass die Richtung unserer Aufmerksamkeit völlig automatisch gesteuert werden kann, und dass sich unwillkürlich ablaufende Verarbeitungsprozesse u.U. stärker auf unsere Aufmerksamkeit auswirken als das, was durch unsere Absichten vorgegeben wird. Anders gesagt: Was wir sehen und mental verarbeiten, wird entscheidend von Gewohnheiten beeinflusst, die wir nicht beliebig verändern und steuern können. Im Internet ist das nicht anders, wobei Gewohnheiten hier aus unterschiedlichen Zusammenhängen stammen können. Es gibt...
- biologisch programmierte "Gewohnheiten" wie z.B. das reflexartige Ansprechen unserer Aufmerksamkeit auf Bewegungen oder intensive Farben.
- gelernte Gewohnheiten, so etwa die Blickreihenfolge von links oben nach rechts unten, die durch die Leserichtung in unserer westlichen Kultur vorgegeben wird.
- internetspezifische Gewohnheiten, wie das schnelle, oberflächliche Querlesen von Internet-Seiten
- individuelle Gewohnheiten, die sich z.B. im Wegklicken von Popup-Windows (dies ist eine meiner persönlichen) oder auch der Vorgabe bestimmter Browser-Einstellungen für Schriften und Farben äußern können.
- Alle diese Komponenten wirken zusammen und bestimmen letztlich darüber, worauf sich die Aufmerksamkeit der Benutzer richtet. Hieraus ergibt sich eine erste, enorm wichtige Grundregel:
- Je einfacher die Struktur einer Seite,
- je weniger Informationen gleichzeitig dargeboten werden,
- je deutlicher diese visuell artikuliert sind,
desto eher kann man die Aufmerksamkeit der Benutzer vorhersagen, also steuern und kontrollieren.
In überfüllten, zuckenden, quietschbunten oder auch eintönig textlastigen Seiten mit Mikro-Schrift wird es dagegen relativ zufällig sein, welche Information in den Fokus der Aufmerksamkeit gerät. Für jemanden mit einem definierten Ziel sind viele Websites ein sinnloser Wirrwarr, aus dem die Rosinen mühsam herausgepickt werden müssen. Und Benutzer ohne Ziele finden sich nicht selten in einer Situation, in der Dutzende von Reizen um Beachtung rangeln. Damit werden letztlich beide Parteien - Anbieter und Benutzer - bei der Erreichung ihrer Ziele behindert. Was es braucht, sind also klare Hierarchien - was ist wichtig, was unwichtig? - und Prioritäten bei der Hervorhebung von Informationen. Welche Techniken hierfür eingesetzt werden können, wird in einem späteren Beitrag dieser Serie genauer behandelt.
Noch ein zweiter Aspekt erscheint wichtig: Man muss damit rechnen, dass Ablenker auch ablenkend wirken. Das klingt dümmlich, ist es aber nicht. Selbst Benutzer, die sich gerade sehr intensiv mit einem Problem beschäftigen, z.B. nach einer wichtigen Information suchen, sind jederzeit störbar. Dies ergibt sich daraus, dass auch Informationen, die nicht zu unseren Zielen passen und nicht mit bewusster Aufmerksamkeit belegt sind, trotzdem ständig präattentiv analysiert und bewertet werden. Genauso wie das Hören des eigenen Namens im Shadowing-Versuch zu einer letztlich ungewollten Unterbrechung führt, können also signifikante Reize, die über eine Website verstreut sind, jederzeit die mentale "Reset-Taste" der Besucher aktivieren. Und eine Website, die solches tut, ist eine schlechte Website.
Noch einmal: Was ist eigentlich Aufmerksamkeit?
Das Modell „präattentiver Prozesse“, das im vorigen Artikel vorgestellt und begründet wurde, zeigt: Aufmerksamkeit ist nicht immer bewusst, und sie ist auch nicht immer kontrolliert. Darüber hinaus sind die Grenzen, die uns als „Spanne“ unserer Aufmerksamkeit erscheinen, eigentlich sehr viel weiter gesteckt als es scheint, d.h. wir analysieren vieles, ohne es überhaupt zu „bemerken“. Wenn ich hier die Formulierungen wie „nicht immer“ und „eigentlich“ gebrauche, bedeutet dies allerdings, dass es durchaus Sinn macht, von Kontrolle und begrenzter Kapazität zu sprechen. Das lehrt uns ja unsere tägliche Erfahrung - und Theorien, die unserer alltäglichen Erfahrung zuwiderlaufen sind zwar oftmals interessant, aber meistens falsch oder zumindest unvollständig.
Leider ist die Sache damit recht schwammig geworden. Wo ist sie denn nun, die Aufmerksamkeit? Der Vorteil einer intuitiven Auslegung des Wortes ist ja, dass sie schön klar ist. Etwa so: Wir haben gewissermaßen ein Männlein im Kopf, das sich die über die Sinne einlaufenden Informationen anschaut und dann diejenigen auswählt, die zu unseren Zielen passen. Dieser Vorgang des Auswählens ist das, was man dann Aufmerksamkeit nennt. Schön! Dann muss man jetzt also nur noch die Frage klären, welche Prozesse eigentlich die Aufmerksamkeit des Männleins steuern, weil: das ist ja - im mehrfachen Wortsinn - die entscheidende Instanz. Dies kann nun aber nur ein zweites Männlein sein, das im Kopf des ersten sitzt und die Informationen anschaut und auswählt, die dieses anschaut und auswählt. Und das dritte Männlein im Kopf des zweiten lauert schon, um die Informationen anzuschauen und auszuwählen, welche dieses für das erste anschaut und auswählt, so dass dieses sie schließlich für uns anschauen und auswählen kann. So kann man weitermachen, bis man beim vierzigsten Männlein angekommen ist und entkräftet aufgeben muss. Das Ganze führt weder zu einer Antwort noch zu einem Ende.
Wenn es nun aber keinen Filter - zumindest keinen einfachen - und kein Männlein gibt? Wenn wir anscheinend die Dinge kontrollieren (den Eindruck haben wir zumindest) aber trotzdem das Ruder jederzeit an dubiose "präattentive Prozesse" abgeben müssen, wenn wir experimentell keine klaren Kapazitätslimits haben und doch überall an Kapazitätsgrenzen stoßen - was hat es dann mit der Aufmerksamkeit auf sich?
Ein Exkurs in die Wissenschaftspraxis
Wenn man in der Wissenschaft mit derartigen Widersprüchen bei der Beschreibung eines Phänomens oder „Dinges“ konfrontiert wird, gibt es verschiedene Möglichkeiten.
(a) Man konzentriert sich auf eine einfache, überschaubare Alternative und bekämpft fortan alles, was dieser zu widersprechen scheint, mit allen Mitteln und an allen Fronten. Mächtige Leute, sogenannte Koryphäen, sind mit dieser Strategie oft sehr erfolgreich und können die endgültige Entlarvung tumber Irrtümer oft sogar bis nach ihrem Ableben hinauszögern. Da kümmert es sie dann verständlicherweise nicht weiter.
(b) Man tut so, als sei alles in Ordnung und hofft, dass niemand es bemerkt (die Chancen dafür sind gar nicht so schlecht, schließlich gibt es oft nur ein Dutzend Spezialisten, die überhaupt lesen und verstehen können, was da so fabriziert wird). Dies wäre etwas für hoffnungsvollen Nachwuchs, der dann irgendwann auf die Alternative (a) überschwenken kann.
(c) Man sucht sich kurzerhand einen neuen Forschungsgegenstand, der sich dann aber leider nach einigen Jahren meist ähnlich bockig anstellt.
(d) Man sucht sich einen anderen Beruf, und zwar einen, in dem die Dinge ganz bestimmt das sind, was sie vorzugeben scheinen.
Natürlich kommen diese Alternativen für uns nicht in Frage. Es gibt noch eine:
(e) Man zerlegt das fragliche Phänomen kurzerhand in mehrere unabhängige Bestandteile und postuliert, dass jeder davon eine eigene Theorie braucht. Damit hat man das Problem zwar noch nicht gelöst, aber immerhin: zunächst einmal ist der Rücken frei. Wenn es dann noch glückt, die einzelnen Bruchstücke für sich zu entwickeln, mit Daten zu untermauern und eine Rahmentheorie zu finden, die das alles integriert, hat man gewonnen - die Wissenschaft ist einen Schritt weiter (bis zum nächsten Widerspruch).
Was bedeutet das jetzt aber genau in Hinblick auf unser Problem, also das Verstehen von Aufmerksamkeit? Wir nehmen an, dass es von der Situation oder der zu lösenden Aufgabe abhängt, welche Art des Denkens und Wahrnehmens (kontrolliert vs. nicht kontrolliert, mit vs. ohne Kapazitätslimit, bewusst vs. unbewusst) dominiert. Und da Aufmerksamkeit etwas mit Kontrolle, Limits und Bewusstsein zu tun hat, kommen wir also zu dem Schluss, dass es mehrere Aufmerksamkeiten gibt. Das klingt nur deshalb merkwürdig, weil unsere Alltagssprache nur ein Wort für Aufmerksamkeit kennt. Tatsächlich gibt es schon entsprechende Erklärungsansätze, die recht gut bekannt und untersucht sind. Für unsere Zwecke ist die Unterscheidung von "schwebender" und "fokussierter" Aufmerksamkeit besonders geeignet.
Schwebende Aufmerksamkeit
Eine Schwebende Aufmerksamkeit liegt vor, wenn wir eine breite Menge an Informationen "parallel" aufnehmen und relativ oberflächlich verarbeiten, ohne uns um Einzelheiten zu kümmern. Das freie, ziellose Scannen von Internet-Seiten ist ein ausgezeichnetes Beispiel hierfür: Hierbei werden die Inhalte einer Seite in groben Blickbewegungen überflogen bzw. quergelesen, und die verschiedensten Dinge werden kurz registriert. Der Informationsdurchfluss und die Verarbeitungskapazität sind also sehr hoch. Die Wahrnehmung kommt dabei nicht (jedenfalls nicht gleich) zum Stehen, d.h. sie beachtet weder nur das, was besonders hervorsticht, noch frisst sie sich an Details fest. Damit dies funktionieren kann, muss die schwebende Aufmerksamkeit relativ offen, also unsystematisch gesteuert sein, das Bewusstsein muss sich ausklinken und die Dinge laufen lassen. Es darf keine zu eng gesteckten Kriterien dafür geben, was wichtig oder unwichtig ist - dann würde sich die Aufmerksamkeit ja irgendwo festsaugen und Dinge, die auf den ersten Blick vielleicht uneindeutig oder unwichtig erscheinen, ausblenden. Gerade dies, das Wahrnehmen und Analysieren uneindeutiger oder auch ungewöhnlicher Informationen, ist aber die besondere Stärke der schwebenden Aufmerksamkeit. Ihre Aufgabe ist nicht nur, uns einen Überblick über große Informationsmengen zu verschaffen, sondern auch Bedeutungen wahrzunehmen, die versteckt, unscharf, uneindeutig sind, also zwischen den Zeilen stecken. Diesen Funktionen entsprechend wird sie vor allem eingeschaltet, wenn wir entweder ohne festgesteckte Ziele und Erwartungen in einer komplexen Situation stehen, oder wenn wir beim Lösen eines Problems stecken bleiben und nach einem "ganz anderen Dreh" suchen. Zum Abschluss noch ein wesentlicher Punkt: Die schwebende Aufmerksamkeit kann auf alle Arten von Informationen reagieren, seien es Symbole, Text, Musik, räumliche Konfigurationen, und diese miteinander in Beziehung zu setzen.
Fokussierte Aufmerksamkeit
Die fokussierte Aufmerksamkeit ist hierzu komplementär. Sie tritt auf, wenn wir mit einem bestimmten Ziel nach einer Information suchen oder eine geordnete Handlung ausführen. Bleiben wir im Web: Ich habe gerade ein Formular ausgefüllt und suche nun nach dem Absende-Knopf. Hier gibt es eindeutige Vorgaben für die Aufmerksamkeit und es wäre mehr als unsinnig, jetzt breit-global oder holistisch (ganzheitlich) wahrzunehmen und mich von allem möglichen anregen zu lassen. Ich brauche einen Knopf, und zwar den richtigen, sonst nichts. Im Zustand der fokussierten Aufmerksamkeit werden also nur die aktuell passenden Informationen wahrgenommen, alles störende wird so weit wie möglich unterdrückt oder ausgefiltert. Die Verarbeitungskapazität ist dabei im Vergleich zur schwebenden Aufmerksamkeit gewissermaßen "umverteilt", d.h. es können nur relativ wenige Informationen gleichzeitig beachtet, diese dann aber sehr tiefgehend analysiert werden. Weiter ist fokussierte Aufmerksamkeit mit "seriellen" Denk- oder Handlungsprozessen gekoppelt, also Vorgängen, bei welchen es eine systematische Folge von Schritten gibt, die zu einem bestimmten Ziel (z.B. dem Abschicken eines Formulars) führen. Hier ergibt sich zugleich ihre Funktion: Das bewusste Steuern von geordneten Handlungen und Denkvorgängen. Da hierbei sprachliche Vorgänge oft eine wichtige Rolle spielen, ist die bevorzugte Modalität sprachlich.
Vergleich und Gegenüberstellung
Die folgende Tabelle gibt noch einmal ein Überblick über die Merkmale der beiden Aufmerksamkeitstypen:
Schwebende Aufmerksamkeit | Fokussierte Aufmerksamkeit |
viele Informationen werden gleichzeitig beachtet ("parallele Verarbeitung") | wenige Informationen werden seriell verarbeitet |
kein eindeutiges Kapazitätslimit | enges Kapazitätslimit |
sehr sensibel für Ablenkung | hohe Resistenz gegen Ablenkung |
Wahrnehmung uneindeutiger, widersprüchlicher Informationen | Suchen eindeutiger Informationen, Steuerung von Handlungen |
reagiert eher unsystematisch auf Informationen | reagiert gezielt, mit klaren Prioritäten auf Informationen |
Bewusstsein tritt in den Hintergrund | bewusst kontrolliert |
tritt auf, wenn es keine gerichteten Motivationen oder Ziele gibt | tritt auf in Verbindung mit der Verfolgung eines konkreten Ziels |
reagiert auf / verarbeitet alle Arten von Information in allen Sinneskanälen | reagiert auf / verarbeitet sprachliche Information |
Zur Veranschaulichung greifen wir jetzt noch einmal zur Taschenlampenmetapher aus dem vorigen Artikel. Bei schwebender Aufmerksamkeit ist deren Lichtkegel weit eingestellt, d.h. es wird ein großer Umweltausschnitt beleuchtet, dies aber nicht sonderlich hell. Man kann also einen großen Ausschnitt der Umwelt und lockere Zusammenhänge gut sehen, aber keine Details erkennen. Bei fokussierter Aufmerksamkeit wird das Licht auf einem Punkt gebündelt (eben: fokussiert). Jetzt kann man dort jedes Detail genau erkennen und analysieren, aber außen herum bleibt es dunkel. So in etwa kann man sich das Funktionieren und die Arbeitsteilung der beiden Aufmerksamkeiten vorstellen.
Man könnte nun noch sehr viel mehr hierzu sagen, für das grundlegende Verständnis dessen, was die beiden Aufmerksamkeitstypen „sind“ und wie man sie vielleicht ansprechen kann - hierzu gleich noch mehr -, sollten diese Informationen jedoch ausreichen. Erwähnenswert ist noch, dass es eine ganze Reihe sogenannter „dualer“
Verhaltenstheorien gibt, die alle auf der Annahme aufbauen, unser Nervensystem sei nach einem zweigleisigen Prinzip wie dem hier als „fokussiert vs. Schwebend“ bezeichneten organisiert. Das Gleichgewicht zwischen diesen Systemen bzw. die Möglichkeit, flexibel hin- und herschalten zu können, wird dann als entscheidender Faktor für gesundes, erfolgreiches, angepasstes Verhalten gesehen. Man kann dies sogar mit zentralnervösen Instanzen bis hin zu den beiden Hirnhälften in Verbindung bringen (schwebende Aufmerksamkeit ist eine Funktion der rechten, fokussierte Aufmerksamkeit eine Funktion der linken Hemisphäre). All dies ist ungemein interessant, führt uns jedoch viel zu weit weg.
Wenn man Bilanz zieht, wird jedenfalls verständlich, warum es so schwierig ist, Aufmerksamkeit gewissermaßen als „ein Ding“ zu definieren oder zu beschreiben.
Was heißt das jetzt für die Praxis?
Eine gute Frage. Die wichtigste Konsequenz: Beim Design einer Website oder auch einzelner Seiten sollte man sich gelegentlich fragen: Welchen Aufmerksamkeitszustand kann ich bei meinen Besucher voraussetzen? Oder: Welchen Aufmerksamkeitszustand braucht es, um diese oder jene Seite gut verstehen und mit ihr arbeiten zu können? Mit dem Wissen, dass die beiden Aufmerksamkeitsarten immer mit motivationalen Zuständen - nämlich dem Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein eines klaren Ziels - gekoppelt sind, können wir dann einiges erklären und vorhersagen. Ich möchte dies an vier Beispielen demonstrieren:
1. Beispiel: Es gibt Personen, die eine Site mit einem festen Ziel erreichen, z.B. möchten sie schnell via E-Mail mit einer Person Kontakt aufnehmen. Diese befinden sich in einem Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, und sie haben natürlich - und völlig zu Recht - nur ihr eigenes Anliegen im Sinn. Eine ideale Site bietet das Gesuchte nun gut sichtbar an und stellt innerhalb eines Mausklicks ein Formular zur Verfügung, mit dessen Hilfe die Benutzer ihre Botschaft formulieren und absenden können. Sie vermeidet dabei allzu viel visuelles Tamtam, da dieses nicht nur ablenkt, sondern auch der sprachlichen Orientierung der fokussierten Aufmerksamkeit zuwiderläuft. Eine schlechte Website lädt ihr verdutztes Publikum zuallererst dazu ein, zwischen einer Flash-animierten, einer JAVA- oder einer „plain HTML-Version“ zu wählen, packt das E-Mail-Link hinter eine coole Animation, die wie ein Banner aussieht, verlangt von den Benutzer eine Selbstklassifikation als Interessent, Kunde, Jobsuchender oder Lieferant, brennt noch ein kleines Feuerwerk ab und fragt dann, ob man Infomaterial bestellen möchte. Schlecht ist das deshalb, weil ein solches Design für jemanden mit einem Ziel und einer fokussierten Aufmerksamkeit völlig ungeeignet ist. Zu viel ablenkende Informationen, zu komplex, zu indirekt, zu viele Schritte bis zum Ziel - frustrierend, schlecht.
2. Beispiel: Einige Web-Sites, z.B. „Portalseiten“, zwängen 40 Links auf die Startseite in dem - gut gemeinten - Bemühen, dem Benutzer eine rasche Orientierung zu geben und unnötige „Klicks“ zu ersparen. Das Problem mit diesem Konzept ist, dass es für eine schwebende Aufmerksamkeit entworfen ist. Dieser macht es weiter nichts aus, 40 Links zu scannen und eines auszuwählen, das einigermaßen interessant klingt. Ein Besucher mit schwebender Aufmerksamkeit kann auf alles, was man, anbietet, reagieren. Eine Person mit einem Ziel und fokussierter Aufmerksamkeit ist davon glatt überfordert. 30 Optionen passen nicht in ihren Arbeitsspeicher, sehr viel irrelevante Information muss verarbeitet werden, und da dieses Konzept darüber hinaus häufig dazu führt, dass die einzelnen Links (aus Raumgründen) wenig aussagefähig sind, ist auch ein rasches Abgleichen mit den aktuellen Zielen oft schwierig.
3. Beispiel: Auf der Startseite einer neuen „Visitenkarte im Netz“-Website wird ein beträchtlicher Anteil des Publikums eher eine schwebende Aufmerksamkeit mitbringen, um einfach mal zu sehen, „was es da so zu tun gibt...“. Die üblichen Einheits-Links „Info, News, Produkte, Kontakt, Wir über uns“ in Einheitsfarbe auf grauen Hintergrund bieten da alles andere als ein attraktives Angebot. Die Benutzer werfen eine enorme Aufnahmekapazität ins Rennen, um sich mit allen Sinnen zu informieren und anregen zu lassen - und laufen ins Messer der Langeweile. Animationen oder coole Effekte retten da dann auch nichts mehr, die machen in aller Regel nur ihren Herstellern Spaß. Umgekehrt hat jemand mit festem Ziel und fokussierter Aufmerksamkeit aber kein Problem mit einem solchen Auftritt. Alles schön übersichtlich und geordnet, keine Ablenker, alles eindeutig, alles textunterstützt, keine irrelevante Information - prima!
4. Beispiel: Jemand mit einem Ziel und fokussierter Aufmerksamkeit wird gerne von einer - gut funktionierenden - Suchfunktion Gebrauch machen. Sein Ziel ist ja nicht, im Web herumzusurfen, sondern ein Ziel zu erreichen, und wenn ihn die Suche nach einem Schlüsselwort mit einem Klick dort hinführt, ist das genau das, was er möchte. Die Suchfunktion hat außerdem den Vorteil, dass sie auf die Wahrnehmungs- und Denkressourcen einer fokussierten Aufmerksamkeit abgestimmt ist. Die Frage ist dann allerdings, wie gut die Ergebnisse sind. Wenn die Suche zu einem "Mega-Hit" (sagen wir, 30 Dokumente) führt, ist der Spaß vorbei, weil ein solcher Informationswust mit dem punktgenauen Verfolgen eines Ziels überhaupt nicht vereinbar ist. Für den gelockerten Denk- und Wahrnehmungsstil der schwebenden Aufmerksamkeit ist es andererseits nicht weiter schlimm, eine Seite mit 30 Links scannen zu müssen.
Dies mag genügen um zu zeigen, wie man das Konzept der „schwebenden vs. fokussierten Aufmerksamkeit“ für die Analyse und Konstruktion von Internet-Seiten adaptieren kann. Ich möchte allerdings nicht den Eindruck erwecken, hier eherne Wahrheiten verbreiten zu wollen. Obwohl die allgemeinen Zusammenhänge sehr gut belegt sind, gibt es wenig wirklich ernstzunehmende Daten über das Funktionieren der Aufmerksamkeiten im Web. Immerhin: es gibt Begriffe, mit deren Hilfe man zumindest etwas systematischer über Gestaltungsprobleme im Web nachdenken kann, und die beiden Aufmerksamkeiten gehören für mich hier zu den interessantesten.